Vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox)

Ein Selbsthilfekonzept nach Masters und Johnson

Von einem vorzeitigen Samenerguss wird gesprochen, wenn eine frühzeitige Ejakulation während des Geschlechtsverkehrs oder anderer Stimulationen vorliegt und es dem Mann regelmäßig nicht gelingt, etwa 2 Minuten mit eingeführtem Glied zu verharren, ohne dass es zum Samenerguss kommt.
Diese Definition berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse der betroffenen Paare nicht ausreichend. Unter Umständen genügen schon 30 - 60 Sekunden Einführungsdauer, um eine Frau voll zu befriedigen - sofern sie während des Vorspiels genügend erregt wurde.
Nach Masters und Johnson sollte in mindestens 50% der Kohabitationen die Partnerin befriedigt werden.

Der Grad eines vorzeitigen Samenergusses variiert: Bei manchen jungen Männern führt bereits die Berührung des Genitalbereiches binnen weniger Sekunden zur Ejakulation, bei anderen wirkt der Anblick eines weiblichen, unbekleideten Körpers auslösend, bei manchen schließlich das Vorspiel, die Einführung, die erste Bewegung bei eingeführtem Glied.

Gewöhnlich beklagt sich zunächst die Frau als über den vorzeitigen Samenerguss des Mannes, der zu einer ähnlichen Leidensgeschichten der betroffenen Paare führt.
Die sexuelle Spannung der betroffenen Frau wird wieder und wieder durch Vorspiele und Einführung des Penis gesteigert, die umgehende Ejakulation mit zurückgehen der Erektion führt zu einer Kette von Frustrationen, da die Frau nie oder selten ihren Höhepunkt erreicht. Die mehr oder weniger rasch nach der Ejakulation eintretende Erschlaffung des Penis kann kein Mann verhindern.

Die Ursachen der Ejaculatio praecox sind noch nicht vollständig geklärt.
Masturbationspraktiken sind nicht für das Auftreten einer Ejaculatio praecox verantwortlich.

Am Anfang einer solchen, durch vorzeitigen Samenerguss des Mannes belasteten Partnerschaft steht oft eine vage Besorgnis. Beide Partner sind aber davon überzeugt, die Fähigkeit des Mannes, den Prozess zu kontrollieren, werde sich im Laufe der Zeit schon noch einstellen.
Sympathie und Toleranz beherrschen die ersten Monate und Jahre der Beziehung. Man predigt sich gegenseitig Geduld. Jedoch: Die Tendenz des Mannes, vorzeitig zu ejakulieren, verstärkt sich eher.
Schuldgefühle führen unter Umständen zu Reaktionsunfähigkeit, zu Depressionen. Die unglücklichen Partner versuchen oftmals alle möglichen Tricks im Sinne einer Selbstbehandlung. Der Mann bittet z.B. seine Frau, sie möge während des Vorspiels seine Genitalien nicht berühren. Beide konzentrieren sich darauf, die Frau bis fast zum Orgasmus zu stimulieren. Erst ganz zuletzt wird das Glied eingeführt. Der Mann gibt sich alle erdenkliche Mühe sich abzulenken. Er denkt an seine Arbeit, Ärger und finanzielle Schwierigkeiten, beißt sich auf die Lippen, kneift sich schmerzhaft usw. Der rasche Übergang vom Vorspiel zum Endspiel, die Reaktionen und Bewegungen der erregten Partnerin bewirken jedoch gewöhnlich, dass es wiederum und verstärkt zur vorzeitigen oder frühzeitigen Ejakulation kommt. Wenn alle Versuche und Bemühungen versagt haben, kühlt die Beziehung schließlich allmählich ab. Die Frau signalisiert Desinteresse. Der deprimierte Mann zieht sich ebenfalls zurück und weicht für immer größere Zeiträume jedem sexuellen Kontakt aus. Je länger diese Perioden dauern, desto schneller ereignet sich die ungeliebte Ejakulation, wenn man's doch wieder mal versucht. "Ich bin halt von der schnellen Truppe", lautet seine verlegene, entschuldigende, von Traurigkeit übertönte Begründung.

Vielen dieser Paaren kann geholfen werden.

Erfolgsprinzip: Die Verantwortung für die sexuelle Befriedigung der Frau muss von beiden Partnern getragen werden. Beide müssen in die Behandlung einbezogen werden mit dem Ziel: Eine wachsende Fähigkeit des Mannes, seine Ejakulation zu steuern.

Behandlung der vorzeitigen Ejakulation

Im Zentrum der Behandlung stehen

  • Einbeziehung beider Partner (das ernsthafte Auseinandersetzen mit der „Störung“ und das gemeinsame Herangehen an das Problem führt in einigen Fällen bereits zum Erfolg und unterstützt alle weiteren Maßnahmen positiv)
  • Erfolgsdruck minimieren (erster Schritt: Sex ohne Geschlechtsverkehr)
  • Junge Männer: teilweise deutlich verzögerte Ejakulation nach vorangegangener "präventiver" Ejakulation.

In den meisten Fällen kommt als Therapieansatz vor allem eine Sensibilisierung für den Ejakulationszeitpunkt in Frage. Hier sollen die betroffenen Männer lernen, den Prozess bis zu dem Zeitpunkt, der als „Point of no return“ bekannt ist, wahrzunehmen und ihn zu beeinflussen. Dies sollte unbedingt vor einem Therapieversuch mit Hilfsmitteln und Medikamenten erfolgen.

Die Squeeze- und die Stopp-Start-Methode nach Masters und Johnson haben sich in der Behandlung bewährt, sind allerdings nicht ganz unumstritten.

Squeeze-Methode

Die Phase, in der eine Ejakulation bevorsteht, die nicht mehr willkürlich unterdrückt werden kann ("Point of no return"), dauert ca. 2 - 4 Sekunden. Während dieses kritischen Zeitraumes setzt der Hauptteil der Behandlung an. Masters und Johnson empfehlen, die Beziehung vorerst durch Austausch von Zärtlichkeiten (Streicheln aller Körperregionen unter Aussparung der Genitalien) aufzubessern, wechselseitig in der Form, dass z. B. an einem Tag die Frau, am nächsten Tag der Mann die aktive Rolle spielt. Erst nachdem diese "Streichelübungen" einige Tage durchgeführt worden sind, folgt die eigentliche Behandlungsübung wie in Abb. 1 und 2. gezeigt. Die Frau sitzt mit dem Rücken gegen eine Wand gelehnt, die Beine gespreizt. Der Mann legt sich so auf den Rücken, dass sein Unterkörper zwischen den Beinen der Frau zu liegen kommt, legt seine Beine über die ihren. In dieser Position soll die Frau den Mann gezielt mit der Absicht stimulieren (streicheln, auch sein Glied), bis eine Erektion hervorgerufen wird. Sie sollte dabei Geduld üben und sich über die Leistungsängste des Partners im Klaren sein. Sobald die Versteifung erheblich wird, kurz vor dem "Point of no return". wendet sie die sogenannte Drucktechnik (Squeeze-Methode) an: legt ihren Daumen auf das Bändchen, Zeige- und Mittelfinger auf die Rückseite des Penis fest nebeneinander.

Abb. 2 zeigt, wie durch diese Anordnung der Fingerdruck ausgeübt werden kann. Ca. 3 - 4 Sekunden lang sollte die Frau also energisch zudrücken. Effekt: Die Erektionsstärke geht rasch zurück. Der Drang zum Samenerguss verschwindet. Nach etwa einer halben Minute später sollte erneut gestreichelt und stimuliert werden. Ein weiterer Versuch mit der Drucktechnik schließt sich an, die Versteifung schwindet wiederum. Dieses Wechselspiel sollen die Partner ungefähr 20 Minuten vornehmen. Der Druck der weiblichen Finger sollte stark genug sein; jedoch nicht schmerzhaft. Falls die Partnerin sich über die Stärke des notwendigen Druckes nicht klar werden kann, sollte der Partner ihre Finger führen.
Die Männer lernen im Allgemeinen rasch, welcher Grad der Druckausübung den Rückgang der Versteifung bewirkt. Durch sein helfendes Eingreifen werden eventuell vorhandene Skrupel der Partnerin abgebaut. Zur Wiederholung: Der Druck soll lediglich 3 - 4 Sekunden ausgeübt werden. Masters und Johnson empfehlen, dass der Mann zunächst 4- oder 5-mal gerade ausreichend stimuliert wird, um dann jeweils die Sequeeze-Methode anzuwenden.

Position bei Ejakulationsstörungen

Abb. 1: Position bei Ejakulationsstörungen


Demonstation der Squeeze-Methode

Abb. 2: Demonstration der Squeeze-Methode
Unter dem Daumen liegt das Penisbändchen (Frenulum)

 

Der Mann erreicht durch dieses Verhalten eine Verbesserung seiner Kontrollfähigkeit, nebenbei wird eine Vertiefung der Beziehung angestrebt. Die Frau lernt allmählich, den Grad der sexuellen Erregung des Partners einzuschätzen. Ziel der Methode: Der Mann erreicht einen Grad sexueller Erregung, den er zum einen mitbestimmen, zum anderen unbegrenzt lange aufrechterhalten kann, ohne zu einer vorzeitigen Ejakulation zu kommen. Er lernt es also, sich unterhalb jenes kritischen Stadiums zu halten, in dem eine willentliche Kontrolle des Samenergusses nicht mehr möglich ist.

Die Möglichkeit der Steuerbarkeit dieses Vorganges wird von beiden Partnern bald erkannt. Diese Technik ist aber lediglich ein erster Schritt im Behandlungsplan.

Die geschilderten Druckübungen sollen lediglich 2 - 3 Tage lang durchgeführt werden. Bei der nächsten Übung (Abb. 3) geht es um das Einführen des Penis. Der Mann legt sich auf den Rücken, die Frau hockt über ihm, ihre Knie etwa in Höhe seiner Brust aufsetzend. In dieser Stellung kann die Partnerin das Glied des Mannes leicht einführen. Nachdem sie eine kräftige Versteifung herbeigeführt und 2- oder 3-mal die Drucktechnik angewendet hat; wiederum, damit der Partner Sicherheit gewinnt, sollte sie sodann diese beschriebene Stellung einnehmen; sich dabei darauf konzentrieren, möglichst bewegungslos zu verharren, während sich das Glied in der Scheide befindet. Letzteres, um eine zur Ejakulation führende Stimulation zu verhindern. Diese weibliche Zurückhaltung ermöglicht es dem Partner, sich an das Gefühl des eingeführten Gliedes ohne Ejakulation zu gewöhnen. Dadurch, dass sich die Partnerin nicht sexuell fordernd oder erregt verhält, gibt sie dem Mann Gelegenheit, sich auf die Kontrolle des Ergusses zu konzentrieren. Fühlt der Mann, dass ein Samenerguss unmittelbar bevorsteht, informiert er seine Partnerin, die dann wiederum 4 Sekunden lang die Drucktechnik anwendet. Nach Zurückgang der Erektion wird das Glied erneut eingeführt. Sobald die Einführung des Gliedes in beschriebener Weise und Position halbwegs regelmäßig gelingt darf der Mann sein Becken bewegen, während die Partnerin noch bewegungslos bleibt. Der Mann soll hierdurch wiederum lernen, den Grad seiner Erregung zu steuern und unterhalb der Ejakulationsschwelle zu halten. Während der Ausübung der Drucktechnik steigt gleichzeitig die sexuelle Spannung der Frau, indem sie den jetzt steuerbaren Prozess ihres Partners beobachtet. Dieses aktive und passive Lusterlebnis wird die Frau trotz bewusster Zurückhaltung von Beckenbewegungen erleben, so besteht eine gegenseitige Stimulation. In dem Maß in dem die Kontrollfähigkeit des Mannes wächst, darf die Partnerin wieder Beckenbewegungen ausführen.

Frua-oben-Position

Abb. 3: Frau-oben-Position

 

Die seitliche Verkehrsstellung ist schließlich die letzte Phase dieses Trainings. Eine Seitenlage ist nach Masters und Johnson die beste Position, um einen Ejakulationsprozess zu kontrollieren. Sobald die sexuelle Erregung bis zu dem Punkt steigt, dass der Mann fürchten muss, die Ejakulation nicht mehr zurückhalten zu können, sollten die beiderseitigen Bewegungen unterbrochen werden.

Masters und Johnson weisen darauf hin, dass die übliche Rückenlage der Frau eine Kontrolle des Ejakulationsprozesses sehr erschwert. Bevor die Frau die hockende Koitusposition einnimmt, die dann bei zunehmender Erfahrung in Seitenlage verändert wird, sollte ein ausreichendes Vorspiel vorangegangen sein: Gegenseitiges Streicheln, mindestens zweimalige Anwendung der Drucktechnik - erst dann Einführung des Gliedes.

Nach erfolgreichem Training ist der Samenausstoßungsprozess noch für mindestens 1 Jahr lang nicht sicher unter Kontrolle. Die sexuellen Kontakte sollten nach Erlernung dieser Technik regelmäßig durchgeführt werden unter mindestens 1-mal wöchentlicher Anwendung der Drucktechnik. Nach längerer Trennung der Partner wird es mit Sicherheit Rückfälle geben, da längere Abstinenz die vorzeitige Ejakulation fördert. Bei den auf den Begrüßungskoitus folgenden Kontakten sollte dann Drucktechnik wieder angewendet werden.

Stopp-Start-Methode

Eine Alternative ist die Stopp-Start-Methode. Auch hierbei soll gelernt werden, die eigene Erregung besser wahrzunehmen. In einem ersten Schritt masturbiert der Mann alleine (also ohne Erfolgsdruck durch die Partnerin) und stoppt die Masturbation jeweils kurz vor der kritischen Schwelle, dem "Point of no return". Dieses Stoppen und Starten wiederholt er über einen Zeitraum von etwa 15 Minuten. Sobald er sich dabei einigermaßen sicher fühlt, kann er in einer zweiten Stufe den Geschlechtsverkehr mit einbauen: Der Mann sollte dann der Frau bei einem erhöhten Ejakulationsdrang zu verstehen geben, dass eine weitere Stimulation unterbleiben soll (Stopp-Signal), bis er wieder auf einem deutlich niedrigeren Erregungslevel ist. Durch diese Zweistufigkeit können in der Regel gute Erfolge erzielt werden.

Die geschilderten Techniken werden erfolglos bleiben, wenn nur der Mann sich informiert und sie allein anzuwenden versucht, die Partnerin muss einbezogen werden. Erfolgskriterium: Die Partnerin erreicht in mindestens 50% der Fälle einen Höhenpunkt.

Die sehr verbreitete vorzeitige Samenausstoßung lässt sich mit dem genannten Verfahren oft dauerhaft beseitigen, sofern der Mann die geschilderten Techniken zur Entwicklung seiner Kontrollfähigkeit benutzt - "vor allen aber braucht er eine hilfsbereite, anteilnehmende Partnerin".

Weitere Informationen unter:
www.wikipedia.org